Fledermauseiche: Gutachten mit zweifelhafter Aussagekraft

Baum im Lampertheimer Wald wurde zu Unrecht gefällt

Themengebiet:
Wälder
  • Fledermaus-Eiche vor der Fällung
  • Fledermaus-Eiche vor der Fällung
  • Fledermaus-Eiche vor der Fällung
  • Fledermaus-Eiche nach der Fällung
  • Fledermaus-Eiche nach der Fällung
  • /

Gutachten mit zweifelhafter Aussagekraft

Viernheim, 06. Mai 2018 – Greenpeace Mannheim-Heidelberg hat nun doch noch das vom Forstamt Lampertheim beauftragte Gutachten zur Fällung der „Fledermaus-Eiche“ von Hessen-Forst erhalten. Bei dem Baum, der nach Meinung der Natur­schutz­organisation im Oktober 2016 illegal gefällt wurde, handelte es sich um eine alte Eiche am Waldrand von Hüttenfeld. Der Baum hatte durch einen Blitzeinschlag einen langen Riss im Stamm und bot zahlreichen, geschützten Arten einen Lebensraum.

Trotz intensiver Bemühungen von Greenpeace und lokalen Naturschützern fällte das Forstamt den Baum, ohne Alternativen ernsthaft zu erwägen, wie das Gutachten belegt. Dabei urteilte die Untere Naturschutzbehörde (UNB) noch kurz vorher, dass der Baum ausreichend verkehrssicher und nach Bundesnaturschutzgesetz geschützt war.

Geringere Sicherheitserwartung des Verkehrs

In zwei Punkten widerspricht das Gutachten den Aussagen des Forstamtes. So geht der Gutachter von einer „geringeren […] berechtigten Sicherheitserwartung des Verkehrs“ an dem Landwirtschaftsweg aus, an dem die Eiche stand. Auch wird der Baum als „vital“ und in der „Alterungsphase“ eingestuft. Diese beiden Feststellungen führten allerdings nicht dazu, dass der Gutachter Verkehrssicherungsmaßnahmen geprüft oder empfohlen hat, die den Baum weitgehend erhalten hätten. Dies wäre eine Möglichkeit gewesen, den Lebensraum der seltenen und geschützten Arten zu erhalten und eine ausreichende Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Eine solche Maßnahme wäre z. B. der von unabhängigen Gutachtern vorgeschlagene Kronenrückschnitt mit Entfernung der morschen Äste gewesen.

Oberflächliches Gutachten mit erwartbarem Ergebnis

„Wenig überraschend kommt der Gutachter in der Zusammenfassung dann zum Ergebnis, dass der Baum sofort gefällt werden muss.“, sagt Martin Bösel, Wald-Ansprechpartner von Greenpeace Mannheim-Heidelberg. Das Forstamt hatte im Laufe der Diskussion um den Baum mehrfach klargemacht, dass es nur eine Fällung akzeptiert - so z. B. nachzulesen in einem Schreiben der UNB vom 11 Dezember 2015.

Der Diplom-Biologe und Sachverständige Erwin Rennwald, der in Baden-Württemberg hauptberuflich viele Biotopbäume bei Konflikten mit der Verkehrssicherheit begutachtet, bestätigte Greenpeace, dass Baumgutachter in fast allen Fällen als einfachste Maßnahme erst einmal eine Fällung des Baums empfehlen, selbst wenn der Baum mit einem vertretbarem Aufwand erhalten werden kann. „Wir vermuten, genau das ist auch hier passiert. Nach Einschätzung von Herrn Rennwald hätte es auch Lösungen im Stammbereich gegeben, die eine ausreichende Verkehrssicherheit gewährleistet hätten und den Baum weitgehend erhalten hätten.“, ärgert sich Bösel. Dafür spricht auch die vergleichsweise oberflächliche Begutachtung. „So bedeutende Bäume wie die Fledermaus-Eiche müssen genau begutachtet werden, um ein belastbares Urteil zu fällen“, sagt Rennwald. „Eine visuelle Baumkontrolle und eine Bohr­wider­stands­messung, wie in dem strittigen Fall durchgeführt, sind längst nicht ausreichend, um  die Stand- und Bruchsicherheit so großer und alter Bäume objektiv zu beurteilen“, erklärt er. So kommen in vergleichbaren Fällen oft auch Ultraschalluntersuchungen des Stamms und der Wurzelanläufe zur Anwendung, um nicht nur wenige, zufällige Stichproben zur Beurteilung der Festigkeit des Holzes zur Verfügung zu haben. „In Baden-Württemberg wäre bei einem Treffen von Baumgutachter, Artenschutzmanager und Vertretern der Forstbehörde mit Sicherheit eine Lösung gefunden worden, die den Baum in ihrer artenschutzfachlichen Funktion erhalten und die Verkehrssicherheit (wieder-)hergestellt hätte“ ist sich Rennwald sicher.

Auch die artenschutzrechtliche Prüfung zeigt schwerwiegende Mängel. Der Gutachter hat die zahlreichen Höhlen lediglich mittels Kletterern untersucht, die eine Inspektionskamera benutzten. Dazu Rennwald: „Mit Kletterern alleine ist eine gründliche Untersuchung nicht möglich, da sie nicht an alle Stellen des Baums kommen. Gerade die bevorzugten Höhlen im Innern und oberen Teil der Baumkrone in teilweise weit ausladenden Ästen sind so nicht zu erreichen. An dieser Stelle wäre der Einsatz eines Hubsteigers problemlos möglich und zwingend notwendig gewesen, um bei diesem außergewöhnlichen Biotopbaum ein belastbares Urteil abzugeben“. Daneben bestätigte nicht nur Rennwald Greenpeace, dass die Höhlen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit der streng geschützten Bechsteinfeldermaus und anderen Arten als Quartier dienten. Da die Arten hochmobil sind, hat die Aussage des Gutachters, am Tag der Untersuchung keine vorgefunden zu haben, nach Meinung von Experten nur eine sehr eingeschränkte Aussagekraft. „Für den Artenschutz spielt es keine Rolle, ob zum Zeitpunkt der Untersuchung sich zufällig auch Individuen in den Höhlen aufhalten.“, sagt z. B. Dirk Bernd, ein lokaler Fledermaus-Experte. „Alleine das Vorhandensein dieser besonderen Strukturen macht den Baum absolut schützens- und erhaltenswert.

Greenpeace sieht sich bestätigt: Fällung des Baums erfolgte illegal

„Nach Prüfung des Gutachtens sieht sich Greenpeace darin bestätigt, dass die Fällung des Baums gegen geltendes Arten- und Naturschutzrecht verstieß und damit illegal war.“, sagt Bösel, „Dafür spricht auch, dass Hessen-Forst erst auf massiven Druck und nach über einem Jahr das Gutachten veröffentlichte.“ Nach Einschätzung von Herrn Rennwald hätte eine einfache Kronenrücknahme um 30 % bereits die Standsicherheit gewährleistet und wäre ebenfalls nicht teuer gewesen als die Erstellung des Gutachtens. Diese Maßnahme hätte den Baum auch als Lebensraum weitgehend erhalten. „Dass Hessen hier trotz einer grünen Umweltministerin immer noch so rückschrittlich ist, ist mehr als enttäuschend.“, macht Bösel klar, „Wir appellieren deshalb an die Landespolitik, das willkürliche Verhalten von Hessen-Forst bei solch wertvollen Bäumen zu beenden und in Zukunft sicherzustellen, dass diese nicht mehr unnötig gefällt werden“.

Achtung Redaktionen: Für Rückfragen ist Martin Bösel, Wald-Aktivist bei Greenpeace Mannheim-Heidelberg, unter der Mobilnummer 0170-7318688 zu erreichen.

 

Pressetexte

Pressebilder